Über den Camino del Norte und Primitivo ans Ende der Welt

Im September 2017 packte ich meinen Wanderrucksack und machte mich auf den Weg in die spanische Grenzstadt Irún, um von dort den Camino del Norte in seiner vollen Länge zu laufen. Die Entscheidung für den Küstenweg viel recht schnell: Er versprach grandiose Aussichten auf den Atlantik, kleine und größere Küstenorte und weniger Menschenmengen als auf dem Camino Francés. Außerdem wird er auf vielen Plattformen als einer der anspruchsvolleren Jakobswege herausgestellt, was mich gleich ein bisschen ehrgeizig gemacht hat.

Kurz & knapp: Der Camino del Norte

Länge:835.7 km
Land:Spanien
Start:Irún
Ende:Santiago de Compostela
Saison:April bis September

Die erste Hälfte des spanischen Küstenweges ist wunderbar rau und kulturell wahnsinnig vielfältig. Beginnend im Baskenland, führt der Weg durch Kantabrien, Asturien und Galizien: Mal direkt entlang der Steilküste, mal durch ländliche Gegenden und über Schotter- und Asphaltwege, durch malerische Dörfer und lebendige Küstenstädte wie San Sebastian, Bilbao und Santander. In jedem Ort gibt es die Möglichkeit zur Einkehr, leckeren Tapas und einem kalten Bier und sowohl günstige öffentliche als auch private Herbergen als Unterkunft.

Entgegen der vielen Berichte über die besondere Schwierigkeit des Weges, empfand ich die Etappen als leicht zu meistern. Bei Bedarf sind sie außerdem, wie bei jedem Trail, nach Fitness und persönlichem Gusto in ihrer Länge anzupassen. Für normal fitte Menschen ist wohl die größte Herausforderung, bei den grandiosen Ausblicken nicht von der Klippe zu purzeln.

Planänderung

Dass ich nach 457 Kilometern den Camino gewechselt habe, war ursprünglich so gar nicht geplant und ist vor allem zwei amerikanischen Mitwanderinnen zu verdanken. Die Mädels und ich haben uns in der ersten Woche auf dem Küstenweg kennengelernt und sind ab da nicht mehr voneinander losgekommen. Der Weg schweißt zusammen – genauso wie stundenlange Gespräche über Kultur, Politik, Podcasts und zahlreiche tiefphilosophische Runden “Would you rather”. Nach zwei Wochen auf dem Camino del Norte, habe ich mich spontan ihren Plan angeschlossen und bin gemeinsam mit einer bunten Gruppe aus fantastischen Menschen über den Primitivo weiter Richtung Santiago gestiefelt.

Von der Küste in die Berge

In Casquita bietet sich die Möglichkeit, über einen ca. 40 km langen Zubringer nach Oviedo zu gelangen, wo der Camino Primitivo offiziell beginnt. Ein Wegstein kurz nach Villavicisoa markiert die Weggabelung: Geradeaus geht es auf dem Küstenweg weiter Richtung Gijón (wo sich ein weiterer Zubringer befindet), links zweigt der Weg ab nach Oviedo. Genau wie der Rest der spanischen Jakobswege ist auch der Zubringer bestens ausgeschildert.

Kurz & knapp: Der Camino Primitivo

Länge:321 km
Land:Spanien
Start:Oviedo
Ende:Santiago de Compostela
Saison:April bis September

Der Camino Primitivo gilt als der älteste und ursprünglichste spanische Jakobsweg. Von Asturiens Hauptstadt Oviedo führt er über mehrere Pässe mit Blick auf die Gebirgesketten des Nationalparks Picos de Europa nach Galizien.

Der Camino Primitivo war im Vergleich zu dem ersten Teil des Küstenweges deutlich ruhiger, naturbelassener und mit knapp 10.000 m Höhenunterschied ein wenig anspruchsvoller. Wenn es nicht bergauf geht, geht es in der Regel steil bergab. Für mich war die Abgelegenheit des Weges und die Berglandschaft nach dem doch trubeligen Küstenweg ein willkommener Szenenwechsel – besonders mit unserer kleinen internationalen trail family im Schlepp, die sich immer wieder am Ende der Tagesetappen zusammengefunden hat. Auch wenn ich die Nähe zum Meer auf dem Camino del Norte sehr genossen habe, konnte der Fußmarsch in und aus den größeren Städten hinaus sehr mühsam sein, da er nicht selten lange Abschnitte auf hartem Asphalt beinhaltete. Der Primitivo führte hingegen an weniger und kleineren Städten und Dörfern vorbei und blieb meist auf unbefestigten Wegen, was das Wandern sehr viel angenehmer gestaltete. Alle Herbergen waren überraschend modern und kosteten gerade mal 5 Euro für eine Übernachtung.

Da ich nicht damit gerechnet habe, auf dem Camino Primitivo zu landen, habe ich mir kurzerhand die App Buen Camino heruntergeladen, die bei Etappenplanung und Orientierung auf dem Weg sehr hilfreich war. Für jeden, der mit dem Gedanken spielt, irgendeinen der Jakobswege in Spanien zu laufen, auf jeden Fall einen Blick wert!

Die letzten Tagesetappen des Camino Primitivos führen über das Schlussstück des Camino Francés nach Santiago de Compostela. Die Zusammenführung der beiden Wege ist deutlich spührbar: Pilgerscharen und Jugendgruppen tummeln sich auf den letzten 100 km und sind nach der Abgeschiedenheit des Primitivos ein mittelgroßer Schock. Wir haben in den letzten Tagen auf dem Camino einen ordentlichen Schritt zugelegt, um der Menge zu entkommen.

KIMBER! CLAIRE! BABY MOCKINGBIRD! SANTIAGO, ENDLICH!

Von Santiago nach Finisterre

Finisterre – zur romanischen Zeit irrtürmlich für den westlichsten Punkt Europas gehalten, trägt den Beinamen “das Ende der Welt”(Spoiler: Der westlichste Punkt der Iberischen Halbinsel liegt eigentlich in Cabo da Roca, Portugal). Weil ich noch etwas Zeit bis zu meiner Rückreise hatte, habe ich die 90 km von Santiago nach Finisterre, wo sich der Schlussstein des Jakobsweges befindet, spontan angehängt. Außerdem bekommt man in Finisterre noch eine Urkunde, die – psst – viel hübscher ist, als die aus dem Pilgerbüro in Santiago. Als Abschluss meiner Wanderung war der Sonnenuntergang über den Atlantik besonders kitschig-schön und ich habe eventuell die ein oder andere Träne verdrückt – an der Küste hatte ich meine Wanderung begonnen und beendet (und außerdem vermisste ich meine neuen Freunde schon jetzt wie Hulle).

Für jeden, der nach einer etwas unkonventionelleren Art sucht, einmal quer durch Spanien zu stapfen, kann ich die Kombination aus Küstenweg und Camino Primitivo nur wärmstens ans Herz legen. Es gibt viele Wege, die über Santiago de Compostela, nach Finisterre führen. Warum also nicht abseits der populären Wege zum “Ende der Welt” laufen?